In betenden Händen sind Waffen gut aufgehoben

Einen sehr interessanten Artikel lesen Sie bei der Informationsstelle Militarisierung, wo Peter Bürger der Frage nachgeht: Wie staatstreu sind die Kirchen in der Friedensfrage?

Die Geschichte lehrt uns, dass eine Welt ohne Krieg unter den Bedingungen einer brutalen Konkurrenzwirtschaft nicht zu haben ist. Das himmelschreiende Ungleichgewicht auf der Erde und innerhalb unserer Gesellschaften lässt sich ohne Gewalt und Zwang überhaupt nicht aufrechterhalten. […]

In großer Einmütigkeit bezeugen kirchliche Schriftsteller der ersten drei Jahrhunderte eine Unvereinbarkeit zwischen dem christlichen Glauben (Taufe) und dem Kriegshandwerk. Weniges ist in Theologie, Kirchendisziplin und Sakramentenordnung so eindeutig wie diese Absage. Gegenteilige Belege lassen sich nicht anführen![…]

Tatsächlich aber haben die frühen Kirchenschriftsteller eine fundierte Kritik des Krieges aus christlicher Sicht vorgelegt. Sie halten es für eine Ideologie, die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens im Zivilleben zu behaupten und sie im Krieg willkürlich für gegenstandslos zu erklären. Sie entlarven den Zauber des Militarismus. Klarsichtig werden von ihnen auch die ökonomische Triebfeder des Kriegsapparates und – bei Laktanz – die Ideologie der nationalen Interessenssicherung benannt. Unter zielsicherer Berufung auf die Prophetenbücher der hebräischen Bibel entwerfen die Theologen der Alten Kirche – als Alternative zur kriegerischen Weltordnung – einen kompromisslosen Internationalismus. Wenn sie die Christen als die erste Generation eines gewaltfreien Menschengeschlechts verstehen, geht es ihnen um eine Perspektive bzw. Strategie für die gesamte Zivilisation.[…]

Das deutsche Kirchentum beider Konfessionen zeigte im 20. Jahrhundert keine Scheu, den Drahtziehern von zwei Weltkriegen und ihren Militärapparaten den feierlichsten Segen zu erteilen. Deutsche Kriegstheologie stand im amtlichen Protestantismus des Kaiserreiches zeitweilig an erster Stelle. Nicht minder waren die römisch-katholischen Bischöfe dem protestantischen Kaiser willfährig. Hernach wurden Hitlers Nationalismus und Krieg erneut von den Bischöfen beider Konfessionen unverdrossen und eifrig gutgeheißen. Das röm.-kath. Episkopat und die evangelische Kirchenobrigkeit stellten den Gläubigen die Beteiligung am Hitlerkrieg fast ausnahmslos als Christenpflicht und den Hitler-Eid als bindend dar. […]

Die neuen Zielvorgaben in westlichen Militärdoktrinen sind die Sicherung der Energie- und Rohstoffversorgung, die Verteidigung des Wohlstands, der „Schutz vor illegalen Immigranten“ und die nationale und regionale „Interessenssicherung“. […]

Die Bestimmungen unserer Verfassung werden seit Jahren mit Rekordgeschwindigkeit vernebelt. Mit großem Ernst schreibt unsere Verfassung den Dienst am Frieden als Kern bundesdeutscher Staatlichkeit fest (Präambel). Die Ächtung aller Angriffshandlungen durch die UN-Charta ist gemäß Art. 25 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland bindendes Recht. Demgegenüber beruft sich die Bundesregierung für Auslandseinsätze der Bundeswehr mit einer (äußerst umstrittenen) Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes vom 12. Juli 1994 zu „out-of-area-Einsätzen“ auf GG Art 24 Abs. 2 (kollektives Sicherheitssystem). Regelrecht zynisch antwortet inzwischen der Generalbundesanwalt auf kritische Rückfragen. Er teilte in einem Brief an die „Kooperation für den Frieden“ vom 21. Januar 2006 mit: „Nach dem eindeutigen Wortlaut der Vorschrift [Art. 26 GG; § 80 StGB] ist nur die Vorbereitung an einem Angriffskrieg und nicht der Angriffskrieg selbst strafbar, so dass auch die Beteiligung an einem von anderen vorbereiteten Angriffskrieg nicht strafbar ist“. (zit. Friedensforum 1/2006, 4)

Die neuen Töne, flankiert von Meldungen des Jahres 2005 über höhere Bundeswehretats für Leichenrückführungen, beunruhigen auch Soldaten und Soldateneltern.[…]

Der christliche Kulturkreis hat in eineinhalb Jahrtausenden das Handwerk des Krieges und der Massenvernichtung zur höchsten Perfektion getrieben. Das moderne totale Kriegführen ist nirgendwo anders als auf dem Boden der „christlich“ geprägten Kultur entstanden. Gegenwärtig ist die „christliche Welt“ – versehen mit dem Instrument eines christlichen Fundamentalismus – noch immer Hauptmotor der rasanten Remilitarisierung auf dem Globus. […]

In der platten Vermittlung des westlichen Christentums erscheint der Mensch wie ein von Natur oder Geburt aus böses Wesen. Die Rede ist im Zusammenhang der Friedensdiskussion z.B. von einer „abgrundtiefen Bösartigkeit der menschlichen Natur“ (Pausch 2005). Es wird nicht gefragt, unter welchen leibhaftigen und seelischen Bedingungen denn Menschen schön sein können oder hässlich werden. Das Bild des verderbten und madigen Menschen arbeitet den unterschiedlichen hobbistischen Ideologien des Krieges regelrecht zu. Diesen zufolge ist der Mensch per se ein Wesen, das zum gegenseitigen Kampf drängt. Diesem tragenden Menschenbild der Kriegspropaganda – und des Kapitalismus – entsprechend lässt sich die Welt auch nur mit militärischer Logik und militärischen Instrumenten in Ordnung halten. […]

Christen, die gewaltfrei gegen Atomsprengköpfe in unserem Land Widerstand leisten und dafür ins Gefängnis gehen, und Gemeinden, die Asylsuchenden und anderen Migranten gemäß ältester Glaubenspraxis Unterschlupf gewähren, müssen Rückhalt durch die gesamte Kirche erfahren.
Quelle: Informationsstelle Militarisierung, „In betenden Händen sind Waffen gut aufgehoben.“, 17.08.2006

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