Rede Fanny-Michaela Reisins auf der Demonstration in Berlin

Am 12.08.2006 war weltweiter Protesttag für einen sofortigen und bedingungslosen Waffenstillstand – gegen den Krieg in Libanon und Palästina. In Berlin sprach Fanny-Michaela Reisin. Sie gründete 2000 mit anderen israelkritischen Juden die Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost und wurde Mitglied im Exekutivkomitee des European Jews for a Just Peace.

[…] Nicht in meinem – nicht in unserem Namen!

Die Regierenden in Israel mißbrauchen nicht nur meinen Namen. Sie haben die Stirn, sich auf meine ermordeten Vorfahren zu berufen. Sie schämen sich nicht, meine in den KZs und Massengräbern des Naziregimes um ihr Leben gebrachten Großeltern zur Rechtfertigung ihrer Untaten in Libanon und Palästina heranzuziehen. Die Toten können sich nicht wehren. Aber ich, die ich im Schatten ihrer Ermordung geboren wurde und aufwuchs, spreche Ihnen das Recht ab, Ministerpräsident Olmert, Verteidigungsminister Peretz und allen voran Ihnen Oberkommandierender Halutz, ich spreche Ihnen das Recht ab, sich auf mein Gedenken an die schuldlos Ermordeten zu berufen, wenn rohe Gewalt Ihr Programm und Mord und Zerstörung Ihr Tun ist. Es schändet die Toten, wer im Gedenken an sie Verbrechen gegen die Menschlichkeit begeht.

Immer mehr Menschen jüdischer Herkunft demonstrieren ihren Zorn auf allen Kontinenten – auch in Israel – alle schreien es heraus: Die unter Verstoß gegen die IV. Genfer Konvention seit 39 Jahren – seit 39 Jahren! – andauernde Besatzung, die Entrechtung, Unterdrückung und tagtägliche Demütigung der Palästinenser, die unzähligen militärischen Übergriffe gegen ein Volk ohne Staat und ohne Armee und der neuerliche Angriffskrieg gegen Libanon und Gaza sind das schmachvolle Werk jener, die behaupten Führer der Juden der Welt zu sein.

In ihrer Arroganz und in ihrer Fixiertheit auf moderne Technologien der Zerstörung, treten sie die Lehren der Völkergemeinschaft nach den Erfahrungen des Judenhasses des Naziregimes mit Füßen. Die kostbarste und wichtigste Lehre lautet: Es hat kein Volk das Recht, ein anderes Volk geringzuschätzen. Es hat kein Mensch das Recht sich als Herrenmensch über andere Menschen zu erheben. Die Charta der Vereinten Nationen, die nur einen Monat nach Ende des Zweiten Weltkrieges zur Erhaltung des Weltfriedens und Wahrung der internationalen Sicherheit verabschiedet wurde, beruht darauf, daß jede Nation den Grundsatz – ich zitiere – „… der Gleichberechtigung und Selbstbestimmung der Völker“ achtet. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte proklamiert in Art. 1 Satz 1: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ […]

Israel ist ein Mitglied der Vereinten Nationen. Die Politik seiner Regierungen muß mit denselben Rechtsstandards beurteilt werden, wie die aller anderen Regierungen auch. Die Anerkennung des Existenzrechts Israels in den Grenzen von 1967 ist von Seiten der palästinensischen Befreiungsorganisation PLO zigfach – auch de Jure – bestätigt worden.

Die Rede Fanny-Michaela Reisins ist bei der Jüdischen Stimme als PDF-Datei verfügbar und bei Freace.de dokumentiert.

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