Der falsche Kampf der Kulturen

Vor einigen Jahren erregte ein Buch weltweite Aufmerksamkeit. Samuel Huntington stellte in Kampf der Kulturen die Theorie auf, dass die Weltpolitk des 21.Jahrhunderts vom Konflikt zwischen sieben großen Kulturen beherrscht wird. Der 11.September 2001 und die später darauf begründeteten Kriege der USA scheinen ihm Recht zu geben. Der Kampf der Kulturen äußert sich derzeit zwischen fundamentalistischen religiös begründeten politischen Auffassungen. Auf der einen Seite stehen fundamentalistische Muslims und auf der anderen Seite die derzeit fundamentalistisch christlich motivierte politische USA und ihre Verbündeten. Die Toten beider Seiten sind noch zählbar, aber um die Zahl der unschuldigen Toten schweigt man. Sie geht wohl in die Abertausende. Im Zuge dieses „unheiligen“ Krieges wurden weltweit Bürgerrechte eingeschränkt und dank der Massenmedien wurde ein Gefühl der Unsicherheit verbreitet, dass distanziert betrachteten Beobachtern nur ein Schluss übrig bleibt: „Hier sind Ver-rückte aufeinander getroffen, die im Anderen sich selbst bekämpfen.“

Das Ergebnis ist Tod und die Zerstörung der Lebensgrundlagen. Das ist eine Grundregel der Kriegskunst. Es ist eine erstaunliche und paradoxe Tatsache, dass hier erneut unter dem Deckmantel der Freiheit und Wahrheit, Begriffe, die beide Parteien für sich beanspruchen, im Verborgenen auch ein Kampf um den Zugang zu fossilen Energieressourcen geführt wird und gleichzeitig Leben und Lebensgrundlagen teilweise unwiederbringlich zerstört werden. Wer jetzt noch hier Vernunft auf einer Seite sieht, der sollte über das Wesen eines Krieges nachdenken. Wer kämpft, kann nur Terror und Tod säen, aber keinen Weizen, Reis oder Mais. Die Ängstlichen und Flüchtenden ernten nur Hunger, Leid und Tod. Ein Krieg ist insofern nie gerecht, weder zu den Siegern noch zu den Besiegten.

Krieg ist kein Mittel, um Konflikte zu beenden. Krieg ist allerdings eine teure und leidvolle Möglichkeit Konflikte zu unterdrücken. Daneben lässt sich gut zuhause von den eigentlichen Problemen ablenken. Neben der Rüstungsindustrie freuen sich auch viele andere Industrien über zusätzliche Aufträge und Gewinne. Kulturkreative haben schon zu allen Zeiten diese Mechanismen durchschaut und deshalb das Gespräch, den Dialog bevorzugt. Im „Palaver“ lässt sich eher eine befriedigende Lösung für alle Seiten finden. Gewalt ist ein Irrtum der Menschheitsgeschichte – der Profit daraus ebenso.

Zurück zu Samuel Huntington, denn er hat schon durchaus Recht, wenn er von einem Kampf der Kulturen spricht. Aber er irrt sich bei der Identifikation der Kulturen und bei seiner Definition von Kampf der Kulturen. Sein Kampf der Kulturen ist ein Kampf der Nebenschauplätze, die sich Mächtige geschaffen haben, um von den eigentlichen Problemen abzulenken. Der wirkliche Kampf der Kulturen findet schon seit 5000 Jahren statt. Die Mittel dieses Kampfes sind wie üblich ungerecht verteilt, aber es balanciert sich zugunsten der Kulturkreativen, der Friedfertigen aus, da das Versagen der üblichen Mittel und Methoden immer offensichtlicher und vor allem spürbarer wird. Die „Waffen“ richten sich gegen die „waffentragenden“ Mächtigen selbst und vernichten sie in ihrem scheinbaren Fortschritt, während die Kulturkreativen die Kraft der Gegner zu nutzen wissen und ihre „scheinbare“ Ohnmacht in Kraft umwandeln. Womit der Kampf beim Namen genannt wird: Kampf der Machtvorstellungen

Im Sinne einer zutiefst demokratischen Idee hat keiner das Recht, Macht über jemanden anderen auszuüben. Das Problem der Menschheit seit Jahrtausenden ist einfach die Idee fixe der Macht, der Kontrolle über Andere dank Stärke, Land, Geld oder auch Wissen. Eine daraus für den anderen postulierte Freiheit kann keine Freiheit im ursprünglichen Sinne sein. Ebenso klar ist, dass Gerechtigkeit im Rahmen einer Machtvorstellung im Sinne einer hierarchisch geordneten Gesellschaft ebenfalls ihre Grenzen findet, wenn die in der Rangordnung untenstehenden Beteiligten von den Obenstehenden diese einfordern und es um eine gerechtere Verteilung geht. Ebenso ergeht es der Einforderung nach Menschenwürde oder Solidarität, wenn die Stellung der Obenstehenden durch eine gerechtere Verteilung der Mittel und Möglichkeiten gefährdet ist. So betrachtet sind Kriege des 20. und 21. Jahrhunderts als Kriege zwischen Mächtigen und Ohnmächtigen weltweit zu verstehen. Sie verweigern sich dem Dialog aus einem irrationalen Verständnis der Macht und auch Ohnmacht heraus und suchen im Hamsterrad der hierarchischen Machtvorstellung die Lösung ihrer Probleme.

In einem Punkt kann man aber Samuel Huntington Recht geben, dass die multikulturelle Welt als Ziel gesehen werden sollte. Das bedeutet: In der Vielfalt der Kulturen das Gemeinsame entdecken und das Andere im Rahmen einer planetarischen Ethik zu akzeptieren. Ein Mit- statt ein Gegeneinander der Menschen und ihrer vielfältigen Kulturen.

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